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Viadrina Open Lecture Series: Kafkaesque Encounters with Bureaucracy

Saeid2 ©@Heide Fest

Am 1. Juni 2016 hat Prof. Dr. Costas in der Viadrina Open Lecture Series über die Rolle von und Erfahrungen mit Bürokratie gesprochen. Passend zum Thema dieser Woche wurde Saeid Karimi eingeladen. Saeid berichtete über seine sehr kafkaesken Erfahrungen mit der Bürokratie in griechischen Gefängnissen.

Endlose Korridore, lange Wartezeiten, Ineffizienz und riesige Stapel an Papierkram sind die häufigsten Assoziationen mit dem Wort Bürokratie, so Prof. Costas. Gerade diese gedankliche Verbindung beinhaltet viel Ironie. Ist Bürokratie als ein System aus Regeln, Strukturen und Hierarchien doch ursprünglich geschaffen worden um Effizienz und Kontinuität zu gewährleisten. Dieses Idealbild der Bürokratie als perfekt funktionierende rational-legale Maschine ist jedoch meist nicht nur ein Mythos, sondern kann dazu führen, dass der Mensch in ihr untergeht. Er wird auf eine Nummer, einen Fall innerhalb der geltenden Regeln reduziert. Das stumpfe Befolgen gegebener Regeln lässt außerdem Kritik an deren Sinn kaum zu. Auch Franz Kafka umschreibt in seinem Roman „Der Prozess“ die Bürokratie als ein unverständliches System, welches die Kontrolle über ein machtloses Individuum übernimmt. Ähnliche Erfahrungen, die gleich in zweierlei Hinsicht als besonders kafkaesk beschrieben werden können,  hat auch Saeid gemacht.

Nach seiner Flucht aus dem Iran vor einer perspektivlosen Zukunft als Person afghanischen Ursprungs kam Saeid in Griechenland an und landete kurze Zeit später in einem der dortigen Gefängnisse. Anfangs noch hoffnungsvoll, bemerkt er bald, dass dies vorerst seine Endstation ist. Ohne jegliche Sprachkenntnisse hat der junge Mann keine andere Wahl als auf Fremde vor Ort zu vertrauen. Eindrucksvoll beschreibt er, wie es ist, nicht zu wissen, was mit einem passiert – und das monatelang. Wie lange er im Gefängnis bleiben muss und was als nächstes passieren wird, weiß Saeid bis zum Tag seiner Entlassung nicht. Er hat keine Wahl, als sich völlig in ein System rational-legaler Autoritäten zu ergeben. Dennoch ist er nicht allein. Innerhalb des Systems dieser Mauern hat sich ein Netzwerk von Menschen gebildet, die einander mit kleinen Dingen wie Informationen, Schokolade oder Büchern helfen. In einem eintönigen Alltag, in welchem man fast gänzlich der eigenen Entscheidungen beraubt ist, wird es bald langweilig und Saeid beginnt zu lesen. Vertieft in die Ebooks auf dem kleinen Bildschirm seines Smartphones, findet er eine ganz ähnliche Geschichte wie seine. Auch „Der Prozess“ von Kafka beschreibt die Erfahrung eines Mannes, der in einem System von Bürokratie gefangen ist ohne zu wissen, was mit ihm geschieht. Saeids Geschichte ist glücklicherweise etwas weniger tragisch als die Josef K.s; nach insgesamt eineinhalb Jahren kann er das Gefängnis endlich verlassen und macht sich auf dem Weg nach Deutschland, wo ihn zwar weitere bürokratische Hindernisse, jedoch hoffentlich auch neue Wege und Chancen erwarten.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Saeid Karimi und wünschen ihm alles Gute für seine Zukunft!